Herbstwanderungvon Bellinzona nach Dongo (Comer See)


Tag 1

So richtig wurden wir gestern nicht Freunde, die Herbsttour und ich: Der Zug kam erstmal acht Minuten zu früh an, so dass ich hektisch alles zusammen packen musste. Ja, zu früh! Nicht zu spät. Sowas kommt vor, aber nach meiner Erfahrung nur bei der Schweizer Bundesbahn, nicht etwa bei der Deutschen Bahn.

Ich hatte wenig geschlafen, war hungrig und kam auf die blöde Idee mir ein Fertig-Sandwich von Coop zu kaufen. Das lag mir anschließend wie ein Stein im Magen. Wohl keine gute Idee, speziell dann nicht, wenn man sich normalerweise recht gesund ernährt. Eine passende Landkarte finde ich dagegen nicht, aber ich habe die App Swiss Map installiert. Eine gute Wahl. Gerade zusammen mit der iPhone Akku-Hülle, mit der ich ohne Stromprobleme immer Zugriff auf die relevanten Karten hatte. Aber das wusste ich ja noch nicht, als ich nach der Karte suchte. Eine Karte auf Papier funktioniert im Zweifelsfall halt auch bei leerem Akku und hätte bei mir für ein ruhigeres Gefühl gesorgt.

Der Aufstieg war heftig. Sehr heftig. Irgendwie ging es immer steil bergauf. Meistens im Wald. Zwar in einem schönen Kastanienwald, aber Sonne wäre halt auch schön gewesen. Einmal, es war schon recht spät, ging der Weg gefühlt senkrecht den Berg hinauf und war auf einmal nicht mehr markiert. Ich war erschöpft, wütend, aber schließlich konnte ich nichts daran ändern. Nach ein paarmal durchschnaufen ließ ich die Umgebung auf mich wirken und ging dann so, wie ich den Weg vermutete. Und nach ein paar hundert Metern fand ich tatsächlich wieder die ersten Markierungen.

Immerhin hatte ich Glück mit der Übernachtung. Die ausgeschilderte Hütte war zwar unbewirtet, aber geöffnet. Bisher hatte ich nur davon gelesen und noch nie so eine besucht. Ich empfand es beim ersten Mal etwas seltsam, einfach in ein fremdes Anwesen einzudringen und mich dort breitzumachen, aber ich war froh, nicht draußen schlafen zu müssen.

Es war nach Sonnenuntergang empfindlich kalt geworden. Ich hatte zwar die Wetterberichte gecheckt, aber nur von Bellinzona und Dongo. Und inzwischen war ich schon mehr als 1000 Meter höher. Etwas blauäugig von mir. Früh war ich ins Bett gegangen und dementsprechend gegen sieben topfit aufgestanden. Die ganze Nacht war ich alleine.

Tag 2

Jetzt beim Frühstück kommen zwei Männer, die zum einen kurz den Hüttenzustand checken, als zum anderen auch den Abtransport des Holzes via Helikopter beaufsichtigen. Dementsprechend laut ist es seit ihrer Ankunft. Ich lasse mir von ihnen den Weg erklären. Ja, ich könne es heute schon nach Dongo schaffen. Ich zweifele schon daran, denn die zwei sehen nach geübten Wanderer aus, die sicher auch nicht ständig stehen bleiben und Fotos schießen. Schließlich frägt mich der eine, wie viel Kilometer ich denn am Tag mache. Als ich so 25 antworte, fügt er hinzu, dass es halt schon ein ordentliches Stück ist und ich gut zulaufen soll. Ich nicke und dabei ist mir klar, dass ich heute nicht nach Dongo komme. Ob ich wenigstens den Comer See sehen werde?

Immerhin versöhnt mich der Weg heute, Es gibt zwar auch immer wieder steile Passagen, aber diese wechseln sich mit angenehm flachen ab. Immer seltener geht es durch den Wald und ich habe ich immer wieder eine tolle Sicht, die mich zum Verweilen einlädt.

Außerdem fühle ich mich heute viel fitter. Mir geht es richtig gut. Bis ich einen Wanderer treffen (übrigens den einzigen, seit Beginn), der mir entgegenkommt. Er erzählt mir, dass er mehrmals den Weg verloren hat und schimpft auf die schlechten Markierungen. Außerdem hat er sich mit dem Essen verschätzt und den ganzen Tag nichts gegessen.

Ich schenke ihm eine Packung Nüsse und meinen letzten Apfel. Gerne würde ich ihm noch mehr geben. Aber werde ich es nicht selber noch brauchen? Er ist froh über das, was ich ihm gebe. Als er hört, dass ich nach Dongo will, bestätigt er, was ich schon vermutet habe: Dass ist kaum zu schaffen. Schlimmer finde ich, dass der Pass St. Jorio noch eine Stunde weg ist und die meisten Hütten zumindest auf seinem Weg geschlossen waren. Ui, eine Nacht im Zelt auf 2000 Meter würde nicht angenehm werden. Ich verabschiede mich schnell und lege einen Zahn zu. Immerhin ist der Aufstieg nicht mehr allzu heftig und der Weg führt schließlich angenehm einen Kamm entlang. Etwas sauer bin ich. Auf meine Wanderbegegnung, weil er Stress in meinen Weg gebracht hat? Oder auf mich, weil ich mich keinen Deut um die Temperaturen in den Bergen und realistischen Übernachtungsmöglichkeiten geschert habe? Irgendwie auf beides.

Auf schattigen Plätzen ist das Gras vereist, das verspricht eine frische Nacht. Ich beschließe aber trotzdem nicht, mich extrem zu beeilen, sondern einfach kürzer zu rasten.


Endlich ist er da, der Pass: St. Jorio auf 2050 Meter. Danach ein Schild mit einem Symbol für Mountainbiker: Dongo, 25 km. Es ist 15:00 Uhr, das wird also garantiert heute nichts mehr. Es geht bergab, gleich die erste Hütte dahinter – versperrt. Ebenso die drei Kilometer weiter. Immerhin komme ich schnell voran und verliere Höhenmeter. Noch schneller ging es, wenn ich dem Wanderweg folgen würde, der die Straße immer wieder kreuzt. Aber es dämmert immer mehr und ich stolpere immer häufiger und beschließe daher aus Sicherheitsgründen auf der Straße zu bleiben. Um Halb fünf merke ich, dass ich jetzt wirklich einen Lagerplatz suchen muss. Es wird immer dunkler. Das ist gar nicht so einfach, denn ich bin im bergigen Gelände. Schließlich sehe ich, dass es in dem Buchenwald unter mir einige schmale, natürliche Terrassen hat. Also steige ich ab. Mein Zelt passt gerade eben so hin. Als ich fertig aufgebaut habe, merke ich, dass ich vollkommen ungeschützt vor etwaigen Steinen oder Geröll von oben bin. Mit einem langen dicken Ast baue ich eine Absperrung, die ganz sicher aussieht. Inzwischen werkele ich schon mit der Stirnlampe vor mich hin, um genug zu sehen. Schnell mache noch eine Packung Uncle Bens Fertig-Reis warm und gehe zu Bett. Es ist noch nicht mal sieben, aber finster.

Erwartungsgemäß schlafe ich nicht durch. Anfänglich ist es zwar schön warm in meinem Schlafsack. Ich bin auf einer zehn Zentimeter dicken Schicht aus Laub gebettet. Doch dann kriecht die Kälte durch meinen Schlafsack trotz Merino-Inlet (Link).

Immer wieder wache ich auf und versuche, das Atemloch klein zu machen oder ziehe weitere Kleidungsstücke an. Immerhin zittere ich nicht vor Kälte. An manchen Stellen ist mir schön warm, aber an anderen, speziell Knie, Füße und Hände ist es eiskalt.

Tag 3

Ich habe das Gefühl die ganze Nacht wach zu sein, aber meine Fitbit behauptet, dass ich acht Stunden geschlafen habe. Ich fühle mich am Morgen auch ziemlich wach, aber bei der Kälte ist das auch nicht so verwunderlich. Es hat laut meinem Thermometer vier Grad, aber ehrlich gesagt fühlt es sich viel kälter an. Ich koche noch einen Kaffee und nehme ein schnelles Frühstück mit Pumpernickel und Marmelade, packe und gehe weiter. Gefühlt komme ich schnell voran. Aber der Weg windet sich aufwändig den Berg hinunter. Immer häufiger kommt mir ein Auto entgegen. In meine Richtung scheint erstmal keiner zu wollen. Aber ich laufe nach ein paar Kehren in der Sonne. Ach, das tut gut. Und mit jedem Meter nach unten wird es wärmer. Ich liebe solche Momente, bei denen man sich so richtig toll über die Sonne freuen kann.

Ich halte wieder oft an, raste und mache Fotos. Auch hier hat es der Weg in sich. Lange komme ich dem See überhaupt nicht näher. Schuld sind die Serpentinen. Aber irgendwann bin ich unten. Schon unterwegs habe ich die booking.com-App gecheckt und festgestellt, dass es so gut wie keine bezahlbare freien Unterkünfte in Dongo gibt. Außerdem ist auch noch Feiertag und die Saison ist zu Ende. Und ich bin fertig. Fix und alle. Mir tut das Fußgelenk vom Bergablaufen weh. Auf dem einzig noch offenen Campingplatz bekomme ich noch einen Zeltplatz. Den nehme ich, auch wenn ich weiß, dass auch am Comer See die Nächte sehr kalt werden können.

Nachdem ich das Zelt aufgebaut habe, mache ich mich erstmal auf, etwas essbares zu suchen. Mein Magen hängt auf dem Boden, es ist bereits drei und ich hatte kein vernünftiges Mittagessen. Endlich finde ich eine geöffnete Bar und esse ein lauwarmes Sandwich. Eigentlich will ich überhaupt nicht mehr laufen, aber mir bleibt nichts anderes übrig, Um wenigstens nicht in den Wanderschuhen gehen zu müssen, lege ich die Strecke in den Barfussschuhen, so dass es zumindest nicht mehr am Fußgelenk reibt. Als leichter Alternativschuh für die Mehrtageswanderung sind die Dinger in Ordnung. Aber mehr für den Abend in der Hütte oder auf dem Zeltplatz als für das eigentliche wandern.

Ich schlage noch in einem Geschäft (nur kurz, den ich habe überhaupt kein Bock auf Shopping) und in einem anderen Cafe Zeit tot, bevor ich mich zu einer Pizzeria begebe. Hier frage ich dann gleich noch nach den Bustickets. Dies soll nämlich wirklich die letzte Nacht im Zelt sein und ich habe mir gerade für die letzten zwei Nächte ein Airbnb in Como besorgt. Ursprünglich wollte ich ja wieder zurück nach Bellinzona laufen, aber diese Idee habe ich inzwischen als nicht umsetzbar abgetan. Noch so einen Auf- und Abstieg und dann praktisch keine offene Hütte mehr – unmöglich. Zumindest für mich. Um wieder heimzukommen, muss ich erst mit dem Bus nach Como und von dort den Zug über Chiasso nach Hause nehmen.

Bustickets kauft man zumindest hier nicht im Bus, sondern in einem Geschäft in der Nähe des Abfahrtsbahnhofs.

Als ich mich schlafen lege, ist es immerhin deutlich wärmer wie am Vortag. Doch wieder kriecht um vier Uhr die Kälte in meinen Schlafsack und lässt sich nur wieder durch Anziehen von weiteren Kleidungsstücken in Schach halten. Am Ende liege ich in Motorradunterwäsche, natürlich mit Socken und Mütze, darüber Wanderhose und Hoody im Schlafack mit Merino-Innenteil und habe es gerade so einigermaßen warm.

Tag 4

Ich stehe frühzeitig auf und trinke in einer Bar in der Nähe Cappuchino und nehme mir einige süße Teile zum Frühstück. Natürlich habe ich die Bar erstmal einen Kilometer in die falsche Richtung gesucht. Aber die Bewegung hat nicht geschadet. Mir ist inzwischen schön warm.

Beim Abbauen lasse ich mir Zeit. Die Sonne will einfach nicht kommen. Das ist wirklich doof, denn das Zelt ist innen und außen vom Kondenswasser nass. Wäsche, die ich gestern ausgewaschen habe ist ebenfalls nicht trocken geworden. Selbst der Schlafsack ist von außen nass. Also packe ich alles, nass wie es ist, ein. Für den Platz zahle ich einen Zehner. Die sanitären Anlagen waren zwar nicht der Hit, aber ich war sehr glücklich über die warme Dusche .

Das Bustickets erhalte ich gerade noch rechtzeitig. Der Bus kommt und ist mit Como angeschrieben. In Menaggio steigen jedoch alle aus und der Busfahrer sieht mich fragend an. Ich muss wohl umsteigen, na dann. Der nächste Bus ist jedoch bald parat und weiter geht es.

Das Airbnb ist gut zu finden. Ganz in der Nähe vom Bahnhof. Luca steht sogar vor der Tür und wartet auf mich. Er zeigt mir alles. Es gibt sogar die Möglichkeit, alle nassen Sachen zu trocknen. Nach der Dusche mache ich mich gleich dran und so wird es wieder spät mit dem Mittagessen. Ich kaufe mir jetzt einiges Obst und Gemüse, dass ich zusammen mit Käse und Brot am See als Picknick nehme. Nach der ganzen Friererei scheint mir das Zuführen von vielen gesunden Zutaten angebracht. Die Altstadt habe ich schnell gesehen. Zugegebenermaßen sehr schöne alte Gebäude mit Geschäften und dazwischen Massen von Touris mit Deppenzeptern, sind einfach zu austauschbar und schon lange nicht mehr meins.

Da ich mich auch müde und etwas verfroren fühle, beschließe ich früh heimzugehen und lange auszuschlafen.

Tag 5

Tatsächlich wache ich erst um halb neun auf. Ich fühl mich etwas gerädert. Ist es der Muskelkater oder habe ich nur zu lange geschlafen? Nach einem gemütlichen Frühstück fahre ich mit dem Cablecar nach Brunate. Kostenmäßig in Ordnung – hin und zurück Euro 5.50. Allerdings nur Touris und sehr wenig ruhige Plätze. Ich habe Picknick dabei und sehne mich fast wieder nach der Einsamkeit in den Bergen.

Das Zug-Ticket von Como nach Chiasso kostet EUR 10.50. Relativ viel, wenn man bedenkt, dass die Busfahrt von Dingo nach Como gerade einmal EUR 5.50 gekostet hat. Die restliche Zugstrecke von Chiasso nach Hause habe ich via SBB App gelöst.

Fazit – Herbst-Bergtour

Ich habe mich zwischenzeitlich gefragt, ob es wohl solche Greenhorns wie ich sind, die in den Alpen verunglücken. Ich bin das Ganze schon etwas blauäugig angegangen. Meine Ausrüstung ist zwar nicht schlecht, aber auch nur mittelmäßig. Zu Hause lag der superwarme Winterschlafsack, der aber ein deutlich größeres Packmass mitbrachte. Trittsicher musste man schon sein. Zeitweise ging es rechts oder Links steil hinunter. Hier war ich froh, nicht in einer größeren, womöglich schnelleren Gruppe mitzulaufen. So konnte ich jederzeit Pause machen, wenn ich merkte, dass ich müde wurde und zu stolpern anfing.
Unterschätzt habe ich den Auf- und Abstieg. Trotz dass ich viel fitter bin wie noch vor Jahren, hat der mich doch arg geschlaucht. Ebenfalls unterschätzt habe ich den Temperaturabfall mit den Höhenmetern. Wäre einfach zu recherchieren gewesen: Im Mittel nimmt die Temperatur pro 100 Meter um 0.6 Grad ab. Also über 10 Grad Unterschied von Bellinzona (238 Meter) zum höchsten Punkt St. Jorio (2010 Meter). Außerdem bläst auf den Bergen häufig ein kalter Wind.

Essen hatte ich genügend dabei. Wenn ich mich verlaufen hätte, hätte ich wieder umdrehen können. Außer der einen Passage um Wald war der Pfad immer klar zu erkennen. Ich hatte zwar keine Karte, dafür aber das iPhone mit Akkuhülle (und außerdem noch einen Solarakku) mit dabei. Genügend um mich gegen schlechtes Wetter zu schützen hatte ich ebenfalls mit. Beim nächsten Mal werde ich aber meinen Winterschlafsack mitnehmen.
Wasser war kein Problem, ich hatte zwar 3 Liter mit, aber so viel war eigentlich nicht nötig. Wer auf Nummer sicher gehen will, nimmt noch wie ich den Wasserfilter mit. Ein paar Mal holte ich mir das Wasser von einer Kuhweide und war froh drum. Die Kühe waren zwar längst weg, aber sicher ist sicher.

Spaß hat es in jedem Fall gemacht. Speziell die Eindrücke am zweiten und dritten Tag waren gigantisch. Durch die Gedanken an Übernachtung und durch den anstrengenden Aufstieg fehlte der Tour aber etwas das leichte und fast meditative, was ich bei anderen Touren gespürt habe. Es wird trotzdem nicht meine letzte Bergtour sein.

Als Packliste diente mir meine Packliste Wanderausrüstung / Trekking (Download).


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Herzlichen Dank.


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